Unser Statement zur aktuellen Lage und den Entscheidungen in der frühkindlichen Bildung, auf Bundes- und Länderebene

05.09.2022 von Christin Kießlich, Barbarba Klein und Sabine Hagen

KITAS FIRST 

 

Das war unser Aufruf für den ersten bundesweiten Kitagipfel und den #KitaHackathon im Mai 2022. Doch die aktuelle Lage und vor allem die politischen Entscheidungen auf Bundes- und Länderebene, lassen uns diesen Aufruf noch einmal nachschärfen: 

 

BILDUNG FIRST, BETREUUNG SECOND 

 

Kitas sind Bildungseinrichtungen. Das sollte mittlerweile allen klar sein! Sie sind für die Bildung und Förderung der kleinen Menschen zuständig. Jedes Bundesland hat einen eigenen Bildungs-/Orientierungsplan. Nach diesem gesetzlich verankerten Bildungsplan arbeiten die Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen und begleiten und fördern die Kinder altersentsprechend in ihrer individuellen Entwicklung. 

Die Entscheidungen auf Bundesebene, das Bundesprogramm “Sprach-Kitas: Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist” nicht weiter zu fördern stößt auch im Team unserer Initiative auf Unverständnis. Im Koalitonsvertrag 2021 wurde bereits angekündigt, dass das Bundesprogramm auf Landesebene verstetigt werden muss und sich der Bund dafür ausspricht. Für die kommenden zwei Jahren werden nun 4 Mrd. Euro zur Verfügung gestellt. Doch ohne den Erhalt der Strukturen, über die Sicherstellung der Fachkraftstellen, wird das Programm zum 31.12.2022 eingestellt und 7.500 Fachkräfte sowie über 250 Fachberatungen verlieren dadurch erst mal ihre Jobs.  

Das BMFSFJ schreibt über das Programm auf der eigenen Website:  

“Die sprachliche Bildung im Kitaalter ist fundamental, um Kinder gut auf den weiteren Bildungsweg vorzubereiten und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Die Grundlagen für den späteren Bildungserfolg werden häufig schon in den Jahren vor der Einschulung gelegt. Dabei ist sprachliche Bildung kein Nischenthema, sondern gehört ins Zentrum der Qualitätsentwicklung.” 

 

Was die Wenigsten wissen, über das Bundesprogramm Sprach-Kitas gab es die Möglichkeit der Verwirklichung von multiprofessionalen Teams im Kita Bereich, bestehenden aus Logopäd*innen, Sprachwissenschaftler*innen und Therapeut*innen. Eine enorme Steigerung der Kitaqualität durch Kompetenzerweiterung.

Nicht jedes Kind in Deutschland erhält mit dem 3. Lebensjahr einen Kitaplatz. Auf Grund des hohen Fachkräftemangels ist der Ausbau von Kitaplätzen nicht umsetzbar. Die Gebäude mögen vorhanden sein, doch das Personal fehlt.

An diesem Punkt stellen wir uns die Frage: Warum werden erfolgreiche Bundesprogramme zur Fachkraftstellen Erweiterung und Fachkraftakquise eingestellt? Denn nicht nur das Bundesprogramm Sprach-Kitas, sondern auch das Bundesprogramm Fachkraft Offensive und das Bundesprogramm Kita-Einstieg werden zum 31.12.2022 beendet. 

 

Wie viel ist der Politik also die Qualität der frühkindlichen Bildung wert? Wie viel ist die Basis unserer Gesellschaft den Politiker*innen wert: unsere Kinder? 

 

Die von Sozialministerin Scharf in Bayern vorgestellte “Experimentierklausel”, wie es der Bayerische Rundfunk so passend bezeichnet, ist der nächste Schlag ins Gesicht für alle Fachkräfte und Kinder innerhalb der frühkindlichen Bildung. 

“Wer keinen Betreuungsplatz findet für sein Kind, muss sich selber kümmern, kann nicht arbeiten gehen oder muss Großeltern und Freunde einspannen, falls denn welche zur Verfügung stehen. Wer seinen Nachwuchs von ambitionierten Kräften ohne pädagogische Ausbildung statt von ausgebildeten Erzieherinnen betreuen lässt, wie es in sogenannten Spiel- und Einstiegsgruppen vorgesehen ist, verschafft den Kleinen möglicherweise keine umfassende frühkindliche Bildung, kann aber weiter seinem Beruf nachgehen - und Geld verdienen. In Zeiten von steigenden Preisen werden da viele Familien nicht lange überlegen.” (SZ, Nun rächt sich die Herdprämie, 31.8.22) 
 

Der bayerische Staat ist das flächengrößte Bundesland in Deutschland und hat über 13 Millionen Einwohner. Zum letztjährigen Stichtag 01.03.2021 gab es in Bayern 11.724 Kinder in öffentlich geförderter Kindertagespflege, sowie 609.872 Kinder in Kindertageseinrichtungen (Tendenz steigend, Destatis).  

Wir unterstützen daher die Aktion des Verbands Kitafachkräfte Bayern, #ScharfKritisieren und hoffen inständig, dass Frau Ministerin, sowie das Sozialministerium Bayern hier Umdenken und Einlenken. Eine Senkung der Qualität in der frühkindlichen Bildung ist nicht im Sinne der Kinder, der Fachkräfte oder der Eltern. Wir als Initiative setzen uns seit mehr als 1,5 Jahren dafür ein, dass sich alle Akteur*innen der frühkindlichen Bildung auf Augenhöhe begegnen und gemeinsam Zukunft gestalten. Kinder und deren Bildungsverlauf dürfen weder politisch verwendet noch unter den Teppich gekehrt werden. Unsere Kinder sind kein Wahlkampfthema! 

Eine raschere und unbürokratischere Anerkennung ausländischer Abschlüsse innerhalb der frühkindlichen Bildung wäre sehr zu empfehlen. In Deutschland gibt es bereits jetzt eine Vielzahl an gut ausgebildeten, motivierten und bereits ortsansässig gebundenen, ausländischen Fachkräften (Lehramt, Pädagogik, etc.), die jedoch auf Grund zu großen Hürden, nicht den Einstieg in den Kitabereich finden. Hier würden wir bundesweit appellieren, diesen Zugang zu erleichtern, um u. a. dadurch dem eklatanten Fachkräftemangel entgegenwirken zu können.  

Wie unsere diesjährige Schirmherrin, Dorothee Bär, MdB, oder Frau Ministerin, Animata Touré, für Soziales, Jugend, Familie, Senioren, Integration du Gleichstellung in Schleswig-Holstein es bereits in ihren jeweiligen Kreisen umgesetzt haben, freut uns als Initiative sehr. Die Aufmerksamkeit, Sichtbarkeit aber vor allem der Austausch auf Augenhöhe sind das wichtige Momentum in diesen Tagen. Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorrüber, die Ängste und Unsicherheiten werden auch in den Kitas, bei den Fachkräften und den Eltern, wiederkommen. Eine zusätzliche Verunsicherung oder Verwässerung der pädagogischen Qualität in Bayern ist nicht zielführend. 

Gerne bieten wir unser Netzwerk und unsere Expertise für die Durchführung eines bundesweiten Kitagipfel zum Thema der Sprach-Kitas an. Denn die Zukunft unserer Kinder, deren Bildungsverlauf, sowie die Herausforderungen für die Kindertageseinrichtungen und die -tagespflege können wir nur gemeinsam gestalten, wenn sich alle Akteur*innen auf Augenhöhe begegnen. 

 

Eine Unterzeichnung der Petition Sprachkitas-retten ist noch bis zum 20.9. unter folgendem Lunk möglich: 

https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2022/_08/_01/Petition_137016.nc.html   

 

 

Gezeichnet 

Christin Kießlich, Fachberatung Sprach-Kitas, Sozialarbeiterin M.A. 

Barbara Klein, Erzieherin, Leitung Kita, Fachwirtin i. E. 

Sabine Hagen, Diplom Pädagogin (univ.), Executive MBA, ehem. Kita-Geschäftsführerin 

 

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Quellen: 

·  https://www.sueddeutsche.de/bayern/kita-bayern-kinderbetreuung-scharf-csu-notloesung-ausbau-1.5648553 

·  https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/familie/kinderbetreuung/fragen-und-antworten-zum-ende-des-modellprogramms-sprach-kitas--200542 

·  https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Kindertagesbetreuung/Tabellen/kinder-tagespflege.html;jsessionid=1FE84D29C9096E8DCE116AD2AA735B8A.live711 

·  https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Kindertagesbetreuung/Tabellen/kinder-kindertageseinrichtungen.html;jsessionid=1FE84D29C9096E8DCE116AD2AA735B8A.live711 

·  https://www.br.de/nachrichten/bayern/bayern-will-mit-experimentierklausel-mehr-kita-plaetze-schaffen,TG04eA8